Goldrausch

Dezember 2, 2009

Es war still geworden um Karl Guevara. Hunde waren stehen geblieben und kratzten sich verlegen hinterm Ohr, Rentner erhoben sich von ihren Parkbänken und blickten angestrengt mit zusammengekniffenen Augen in die Ferne, die Köpfe drehend, in alle Richtungen. Kaum erschienen, schon war er verschwunden, denn auch das ist Karl Guevara, ein Escape Artist.

Ich fühle mich heimisch auf drei Kontinenten, kenne die anderen aber immerhin noch so gut wie das Nachbardorf meiner Kindheit. Dies soll keine Prahlerei sein, ich reise nicht gerne, ich lebe lieber. Das dann aber, wo immer es auch sei. Die letzten Wochen über musste ich mich um eine Webseite in den USA kümmern, wie immer unter Pseudonym. Man kann ja nichts machen, wenn man verhungern will, aber man kann ja nichts machen, wenn man nicht verhungern will: Arbeit muss sein. Nun ist es in den Staaten immer noch einfacher, als Schreiber sein Geld zu verdienen, und das sogar als Ausländer. Also ein virtueller Aufenthalt dort, die letzte Zeit über, ich habe viel gelernt. Twitter, Facebook, WordPress, SEO, Spamfilter, mein Arsch ist offen.

Die Entstehung der Web-Ökonomie dort erinnert mich an meine Zeiten im Yukon, in einem anderen Leben. Wie zu Zeiten des Goldrausches müssen Claims abgesteckt werden, Minen werden gegraben, man hängt mit den Machern in den Saloons rum, ab und zu wird auch scharf geschossen. Aber nur die wenigsten finden Gold, zumindest genug um sich aus diesem Dreck zu befreien. Ich erinnere mich an Marco McLaughin, Sohn eines Schotten und einer guatemaltekischen Mutter, und einer der merkwürdigsten Typen, die mir je über den Weg gelaufen sind. Er hatte feuerrotes Haar, kam fast wie ein Ire rüber, aber gleichzeitig glaubte er tiefsten Herzens an die indianischen Götter und Geister seiner Mutter, die ihn auf Schritt und Tritt begleiteten. Er war spät in die Stadt gekommen, als die meisten schon wieder weiterzogen, um Chinarestaurants in Indianapolis zu eröffnen, oder die wenigen Nuggets, die sie finden konnten, in den Pfandhäusern Chicagos umzusetzen.
Nicht so Marco. Marco war fest davon überzeugt, dass für ihn noch etwas zu holen sein würde. Irgendeine Gottheit hatte es ihm während eines Vollrausches zugeflüstert, den er an der Ostküste nur aufgrund eines menschenfreundlichen LKW-Fahrers überlebt hatte, der ihn aus der Gosse aufgelesen und augenblicklich ins Krankenhaus verfrachtet hatte, bevor er bei zweistelligen Minusgraden erfrieren konnte. Und nun teilte er uns bei seinem dritten Glas Whisky mit, der Typ sei gar kein normaler LKW-Fahrer gewesen. Vielmehr habe es sich dabei um den Sonnengott gehandelt, der in einen Goldmantel gewandelt tagsüber den Himmel abschreite, bevor er allabendlich im Westen in den Krieg gegen die Finsternis ziehen müsse.

Ich schaute damals aus dem Fenster. Es war erst Nachmittag, aber um diese Zeit des Jahres wurde es früh dunkel, und die Sonne stand tief. Anderswo auf der Welt wurden Leute für diese Art von Glaubensbekundigungen zuerst halb totgefoltert und dann verbrannt. Hier hingegen riefen sie lediglich bierseliges Gelächter hervor, und eine neue Lokalrunde wurde durch Smither angekündigt, der heute seiner Grube ein paar Gramm hatte entreißen können, bevor der Wassereinbruch weitere Arbeit unmöglich gemacht hatte.

Ich hingegen war mir mit all dem nicht so sicher. Ich schaute einfach nur und dachte nach. Das Licht war grell und blendend, lange Schatten wurden geworfen, und die vereisten Felder glitzerten verheißungsvoll. Eigentlich, dachte ich mir, war ich nur deshalb hergekommen. Echtes Gold blieb mir auf eine seltsame Art und Weise gleichgültig, solange ich dieses Licht nur riechen durfte.
Im Augenwinkel meinte ich, Marco nicken zu sehen, als hätte er meine Gedanken gelesen. Doch als ich mich umdrehte, schritt er mit Tiffy ins obere Stockwerk hinauf. Tiffy kriegte jeden am ersten Abend, bis sie ihre Narben zeigte.

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