Der Hund und Das Messer

Oktober 7, 2009

Draußen regnet es und es riecht nach Knoblauch. Drinnen sitz ich bei Cuba Libre und erinnere mich an damals, als ich mit Knut “Das Messer” Meyerowitz eine Kneipentour durch eine Mittelstadt in Norddeutschland machte. Wir hatten kein Ziel, aber schon viel Bier getrunken und Döner gegessen und genug Fahrt aufgenommen, um ewig weitertrinken zu können.

Draußen regnete es nicht mehr und wir rochen nach Knoblauch und scharfer Soße, als wir den jungen Friseur von diesem Laden in der Roten Straße trafen, der uns mit seinen Visitenkarten zugeschmissen hatte. Dabei wollte niemand von uns einen Haarschnitt. Wir gingen in die Sülze mit ihm, zu mehr Bier und der Musikbox und dem Haufen Nutten, der dort zu dieser Zeit immer rumlungerte. Wir waren erst 16 und hatten keine Ahnung von nichts, aber wir waren trotzdem gern gesehene Gäste.

Der Friseur, der hatte einen Hund mitgebracht, der war genauso schwul wie sein Herrchen. War auch nicht leicht damals, in einer norddeutschen Mittelstadt, so mit Hund und Schwulsein und dem ganzen Kram. Ich sah den Barkeeper an, den man damals noch Wirt nannte, und er wusste, ich war zu jung, und er wusste, ich hatte beim letzten Mal die Zeche geprellt, und er wusste, ich würde später mal ein Kunde von ihm werden, falls ich dann noch lebte. Also schenkte er mir ein, während Das Messer drüben an der Box rumfummelte oder an einer Nutte, ich habe es nicht gesehen.

Sascha kam auf mich zu und gab mir Zigaretten, er schuldete mir noch 5 Mark, aber er zahlte nie was in Bargeld zurück, immer nur in unverzollten Verbrauchsgütern osteuropäischer Herkunft. Er umarmte den Friseur und ging mit ihm davon, auf ein Zimmer im zweiten Stock vermutlich, jedenfalls lag da nun dieser schwule Hund zu meinen Füßen und Das Messer tanzte mit einer Frau oder kotzte sich die Seele aus dem Leib oder war gerade pissen, ich habe es nicht gesehen. Und der Hund guckte mich vorwurfsvoll an.

Ich verstehe Tiere nicht. Manche Menschen schwören, ihre Viecher könnten sprechen, und das kann ja auch sein, aber solange ich nicht selber zum Pinscher oder Cockerspaniel oder Chihuahua werde, schnalle ich einfach nicht, was die von mir wollen. Der schwule Hund lag einfach nur da und guckte mich an.

Ich bestellte eine Currywurst und gab dem Typen die Hälfte. Er fraß sie auf, Hunde fressen ja alles, was sie so kriegen können, und ich fraß die andere Hälfte. Der vorwurfsvolle Blick blieb. Ich schaute mich nach dem Friseur um, aber dem wurden gerade seine haarigen Eier geleckt und er dachte mit Sicherheit nicht an das blöde Vieh, obwohl das sicher auch manchmal seine haarigen Eier leckte, wie ich vermutete. Das Messer war auf dem Klo eingeschlafen oder im Nebenraum Billard spielen gegangen, ich habe es nicht gesehen. Aber der Köter ließ mir keine Ruhe. Ich schnappte ihn also und nahm ihn mit nach draußen, wo es wieder leicht zu regnen begonnen hatte und wo uns der Geruch von altem Knoblauch aus dem Dunstabzug der Küche ins Gesicht wehte.

Der schwule Hund blieb unter dem Vordach stehen und hielt die Nase in den Wind. Er ging drei Schritte nach vorne, die Nase nun am Boden. Dann kackte er, mitten auf dem Fahrradweg. Dieser Dackel oder Pudel oder was es war, ich konnte die Rassen nie auseinanderhalten, kackte so einen riesen Haufen, dass ich erwartete, sein Arsch würde gleich davon angehoben werden. Mit großen runden Augen guckte er mich an, immer noch vorwurfsvoll, aber auch erleichtert, irgendwie glücklich. Wer ist nicht glücklich, wenn er schön kacken kann? Das bedenkt man viel zu selten, aber wenn man dann Verstopfung hat, verflucht man das Leben und kramt hektisch das Rizinusöl raus.

Der Köter kackte fertig, kam rasch unter das Vordach zurück, kratzte sich das Ohr, blickte nun zufrieden drein und wollte wieder nach drinnen. Ich machte die Tür auf, das Vieh trottete hinein, legte sich in der Nähe des Barhockers auf den Bauch und begann zu dösen.

Ich verstand in diesem Moment, dass Hunde die besseren Menschen sind. Sie nerven einen nur, wenn es unbedingt sein muss, wenn es um Leben und Tod, um Hunger, Stuhlgang oder wenigstens um Spiel und Spaß geht. Sie gehen auch nur aus diesen Gründen ins schlechte Wetter hinaus. Ansonsten liegen sie unter dem Tisch, vögeln mit irgendwelchen Artgenossen oder lecken ihrem Herrchen die Eier. Eine halbe Currywurst drücken sie sich auch dann noch rein, wenn sie den Bauch schon voll haben und kacken müssen. Okay, ab und zu prügeln sich Hunde auch mal, schreien sich an und so weiter. Aber eigentlich wollen sie nur ihre Ruhe haben. Genau wie ich.

Das Messer kam mir entgegen gelaufen.
“Da steckst Du ja!”, sagte er erfreut. “Was hast´n gemacht?”
“Wir reden später”, sagte ich leichtfertig, während im Hintergrund der Friseur mit Sascha im Arm die Treppe heruntermarschiert kam. Ich ging weitertrinken und weitertrinken, fummelte an irgendeiner Frau herum und wachte am nächsten Morgen mit pochenden Kopfschmerzen und einer blutig gebissenen Unterlippe auf. Das Messer habe ich nie mehr wiedergesehen. Ein entfernter Bekannter erzählte mir später, der Typ sei betrunken von einer Eisenbahnbrücke gestürzt und auf der Stelle tot gewesen. Vielleicht ist er aber auch nur nach Kanada ausgewandert. Ich habe es nicht gesehen.

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